fuck the world for me
Prolog: Die Welt aus dem Gleitschritt bringen


Tim saß neben seiner Mutter im Auto und sie rauschten die wenig befahrene, von hohen Bäumen gesäumte Straße entlang. Angestrengt spähte seine Mutter auf den grauen Asphalt. Sie kniff die hellbraunen Augen konzentriert zusammen. Ihr Gesichtsausdruck erinnerte Tim an eine Eule auf Mäusejagd, beinahe hätte er lauthals gelacht.
"Mama, mir ist langweilig", rumorte Tims jüngerer Bruder Paul von seinem Rücksitz aus. Ungedulgig trommelte der Siebenjährige gegen Tims Sitz.
"Wir sind ja gleich zu Hause, Schatz."
"Mama, ich hab zwei Tore geschossen. Zwei. Gut, oder?"
"Sicher, dass du auch das richtige Tor getroffen hast?" feixte Tim.
"Ja, Schatz. Toll."
Das Letzte, was Eva heute gebrauchen konnte, war ein Streit zwischen ihren Söhnen. Sie beschleunigte das Auto.
"Und Jan nur eins. Heute war ich gut in Form. Wenn ich morgen so spiele, wie heute, gewinnen wir. Hat mein Trainer gesagt", erklärte Paul mit ernster Stimme.
"Träum weiter. Warum mussten wir eigentlich unbedingt noch einkaufen fahren? Das hättest du doch auch machen können, bevor du mich vom Training abgeholt hast", Tim lehnte sich zurück.
"Glaubst du eigentlich, ich habe den ganzen Tag nichts anderes zu tun?"
"Wir hätten schon längst zu Hause sein können. Stattdessen muss ich mir das Gelaber von diesem Hosenscheißer anhören. Warum konnte der nicht bei Marlon bleiben?"
Tim konnte sich diese Frage selbst beantworten. Sein Zwillingsbruder weigerte sich seit Jahren hartnäckig auf seinen kleinen Bruder aufzupassen - genauso, wie Tim es tat. Marlon und er lebten für ihre Musik - da war für einen schreienden, kleinen Jungen kein Platz. Jeden Tag übten sie zusammen. Marlon an der Gitarre, Tim am Bass. Einmal die Woche trafen sie sich mit ihren Bandkollegen. Es gab nichts, was sie mehr hassten als Pauls Anwesenheit, während sie spielten. Paul gehörte zu der Sorte von Kindern, die stets wissen wollten, warum und wieso etwas so war, wie es war.
"Halt den Mund", zischte seine Mutter, ohne ihn anzusehen.
"Ich bin kein Hosenscheißer. Ich werd bald acht!" entrüstete sich Paul.
Tim war müde und hätte seinem Bruder am liebsten befohlen, die Klappe zu halten.
"Ich will was Süßes", murmelte Paul, während er aus dem Auto starrte und seine Stupsnase gegen die kalte Scheibe drückte.
Immer wenn ihm langweilig war, zählte er die weißen Streifen auf der Fahrbahn und jubilierte, sobald er zehn davon gezählt hatte. Wahlweise begnügte er sich auch mit Autos einer bestimmten Farbe - nur dass sich im Moment keine anderen Autos auf der Fahrbahn befanden, die er hätte zählen können.
"Jetzt doch nicht. Es gibt bald Abendessen", fauchte Eva, als Tim das Handschuhfach öffnete.
"Dann ist er aber ruhig!", enttäuscht legte er den Lolli zurück, den er seinen Bruder gerade in den Mund hatte stopfen wollen.
"Sei du lieber ruhig!", sie bedachte ihn mit einem strafenden Blick, dann wurde ihre Stimme wieder weich wie Samt, "Nicht jetzt, Schätzchen. Nach dem Abendessen darfst du aber ein Bonbon haben, wenn du möchtest."
"Juhu! Hast du das gehört? Hast du das gehört?", schrie der Kleine und versuchte, in seinem Sitz aufzuhüpfen - was natürlich misslang.
"Beruhig dich doch, Mäuschen!", sie wandte sich wieder der Straße zu und umklammerte das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden. Sie beschleunigte. Wenn ihr Jüngster so quengelte, würde er bald bockig werden. Und ein übelgelaunter Paul war schwer zu ertragen.
Tim lehnte sich tiefer in den Sitz und legte seine Füße auf das Armaturenbrett.
"Tim, bitte. Muss das sein?"
Er verdrehte seine rehbraunen Augen und zog seine Füße gemächlich zurück. Dann wandte er sich dem Autoradio zu. Er begab sich auf die Suche nach einem rockigeren Sender. Der Klassiksender seiner Mutter war zum Fürchten und trotzdem lief er ständig, nur wenige Menschen wagten eden favorisierten Sender seiner Mutter zu verstellen. Ab und zu wurde eine Kinderkassette für Paul in das Radio geschoben. Tim wusste nicht was schlimmer war - Klassik aus dem letzten Jahrtausend oder Ernie und Bert.
"Nimm deine Finger da weg, aber schnell", protestierte Eva.
"Lass mich doch. Wir sind eh gleich zu Hause. Ist jetzt auch egal."
"Nein, das ist es nicht!", sie wandte sich ihrem Sohn zu und wollte seine Hand beiseite schieben.
"Scheiße, scheiße", brüllte Eva, als sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Straße richtete.
Tim hob den Kopf, sah ein Auto auf sich zukommen - und dann explodierte seine Welt. Er wurde hart in seinen Gurt geworfen. Alles wurde schwarz. Er verlor den Orientierungssinn, wusste nicht mehr wo oben und unten war, Geräusche schienen an Bedeutung zu verlieren. Die Welt war verstummt. Warme Flüssigkeit rann seinen Hals hinab, Glasscherben - oder irgendetwas, das sich so anfühlte - bohrten sich in seinen Körper. Er konnte die exakte Stelle nicht lokalisieren. Er spürte nur den Schmerz. Es waren nur wenige Sekunden - vielleicht zehn -, aber Tim erschien es wie ein ganzes Leben. Dann kam das Auto zum Stillstand, zumindest glaubte er das. Endlich konnte er die Augen wieder öffnen. Was er sah, verwirrte ihn. Die Farben erschienen ihm seltsam grell, die Konturen zeichneten sich stärker ab als sonst. Im nächsten Moment verließ ihn die Kraft und seine Augen fielen zu, ohne dass er es gewollt hatte. Er dachte an Marlon, den er sehen wollte. Weder er noch Eva realisierten, dass sie starben. Dann war es vorbei.

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Marlon
Pepe

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